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Neoklassik ist der Weg

Gedanken zur gestrigen Premiere von „Ariadne auf Naxos“ im G-H-Theater.



Diesen Freitag ging ich von der Volkshochschule, wo ich meine B1-Sprachprüfung abgelegt hatte, nach Hause zur Augustastraße und machte einen kurzen Stopp am Demianiplatz, um Fotos von dem Art-Deco-Pavillon zu machen, den die Stadt im Zuge der Neugestaltung des Platzes 2027 versetzen will. Ich bin dagegen und habe eine Petition verfasst. Für mich bildet der kleine Pavillon (um 1910 als Straßenbahnhaltestelle erbaut) zusammen mit dem Kaufhaus und einem weiteren Art-déco-Gebäude gegenüber dem Kaufhaus einen prächtigen Komplex, der an eine wunderschöne Epoche erinnert: den Historismus der Jahre 1910 bis 1920. Diese drei Denkmäler müssen unbedingt erhalten bleiben, und eine weitere Modernisierung der Stadtarchitektur sollte niemals zugelassen werden. Görlitz ist eine der wenigen Städte weltweit, wenn nicht die Einzige, die die Schönheit und Philosophie der Jahrhundertwende so authentisch verkörpert. Während in Wien und München jedoch der Jugendstil herrscht, gehört Görlitz dem Neoklassizismus. GR, die Nummernschilder an den Autos – in Görlitz ist alles eine Hommage an den griechischen Neoklassizismus.


Beim Fotografieren der Art-déco-Statuen griechischer Allegorien an den Säulen des Kaufhauses fiel mein Blick auf das Plakat für die gestrige Premiere: "Ariadne auf Naxos" im Gerhart-Hauptmann-Theater.


Strauss’ wunderschöne neoklassizistische und neobarocke Oper mit ihrem brillanten Libretto von Hofmannsthal in Zusammenarbeit mit dem großen Max Reinhardt ist eine meiner Lieblingsopern!


Die Geschichte der Begegnung auf der Insel Naxos zwischen der trauernden Ariadne und dem schiffbrüchigen Bacchus, ein schicksalhafter Moment, der sie ins Leben zurückholt und ihn zum Gott erhebt, hat mich in vielen traurigen Momenten meines Lebens berührt. Nicht nur Frauen, aber gerade Frauen sind oft wie Ariadne auf Naxos: deprimiert und dem Tode geweiht nach Verrat oder Betrug. Doch dann geschieht etwas Magisches, wie Theater, wie Rausch, wie Revolution, wie der Geist, und man überwindet die Krise. "Ariadne auf Naxos", mit ihrem brillanten Text und der berauschenden Musik, wirkt therapeutisch. Kurz gesagt: Ich drehte mich um, ging zum Theater und kaufte mir eine Karte für die Premiere.


Ich war überrascht, dass das Theater nur halb gefüllt war. „Es muss schon Nabucco sein, damit die Leute aus Görlitz kommen“, sagte die Kassierin. Aber „Ariadne auf Naxos“ IST so etwas wie ein deutsches Nabucco. Es zeugt vom niedrigen Kulturniveau der Görlitzer, wenn sie Strauss nicht so gut kennen wie Verdi. Die Karte im Parkett kostete 32 Euro. Für so ein großes Spektakel – mit einem großen Orchester und Ensemble – ist das ein Schnäppchen. In Dresden kosten die Karten über 100 Euro und in München über 200 Euro. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir in Görlitz eine Oper für 30 Euro sehen können. Die Görlitzer MÜSSEN öfter ins Theater gehen. Wer in einer so geschichtsträchtigen Stadt lebt, muss über Kultur und Geschichtskenntnisse verfügen.


Heute Morgen habe ich mich entschlossen, diesen Beitrag anstelle einer ausführlichen Rezension von „Ariadne auf Naxos“ zu schreiben, denn genau das ist mein Punkt: Ich möchte sagen, dass der neoklassische Weg, die Erziehung nach klassischen Idealen, den idealen Bürger hervorbringt, und ich träume davon, dass jeder Einwohner von Görlitz so wäre. Nein, ich möchte die Menschen in Görlitz nicht mit super Intellektuellen ersetzen. Ich liebe sie, so wie sie sind. Aber ich vermisse die Gelegenheit, mit ihnen über Kultur, die philosophischen Grundlagen des Lebens, Spiritualität und Schönheit zu sprechen. Wie kann jemand, der in einer solchen Stadt lebt, nicht ein Spezialist in Geschichte und Kultur sein?


Wahrscheinlich ist aber genau so jemand wie mein "idealer Bürger", der Regisseur von „Ariadne auf Naxos“, das gestern im G-H-Theater Premiere feierte. Vom Moment des Vorhangaufgangs an spürte ich sofort, dass jemand das Werk klassisch gelesen und interpretiert hatte, mit Intelligenz und Kenntnis der psychologischen Aspekte der Mythologie. Vor allem die Ästhetik des Bühnenbildes, die Positionierung der Schauspieler im Raum, die Symmetrien und das dramatische Zusammenspiel – alles zeugte von einem Kenner und Liebhaber der klassischen Literatur, Philosophie und der altgriechischen Kultur. Andreas Rosar, der Regisseur, ist ein solcher Neoklassizist.


Andreas Rosar bekommt einen Blumenstrauss.
Andreas Rosar bekommt einen Blumenstrauss.

Das schlichte Bühnenbild, perfekt ausgeleuchtet mit seinen eleganten Farben, und die beeindruckend schönen und zugleich gewagten Kostüme des Vorspiels weckten meine Neugier so sehr, dass ich in der Pause seine Biografie nachlas. Und tatsächlich: Er hatte Theologie, Philosophie und Germanistik studiert, bevor er sich auf Theater- und Kulturmanagement spezialisierte.


Dieser Hintergrund ist sofort erkennbar und stellt diesen jungen, noch relativ unbekannten Regisseur meiner Meinung nach in dieselbe Liga wie Größen wie Hofmannsthal und Reinhardt, denn er versteht sein Thema und dessen Wurzeln in der Antike und in der Seele Europas.


Wie gesagt, Europa braucht solche Menschen, und deshalb danke ich dem Theater, dass es ihm die Möglichkeit gegeben hat, das Publikum für die Ideale der klassischen Literatur zu begeistern. Diese Entwicklung muss sich verbreiten. Das ist der Weg in die Zukunft. Die Menschen brauchen wieder Schönheit, Harmonie, Philosophie, Spiritualität und Ideale.


Ich spreche aber nicht von klassisch, sondern von neoklassisch, denn die gestrige Oper enthielt viele moderne Elemente, wie wunderschöne Projektionen im Hintergrund und die persönliche Interpretation des Regisseurs, etwa die Idee mit der Titanic. Das Ganze spielte in einer Situation wie auf der Titanic: Alles zerbricht, manches geht unter, manches überlebt. Ariadne und Bacchus überleben. Doch der Komponist wählt den Tod, weil er sich nicht einfach „ergeben“ will, surrender, sich den Umständen beugen und mit dem Wasser, omnipräsentes Symbol in dieser Inszenierung , schwimmt - anstatt ertrinkt. Das sind wahrlich tiefgründige Interpretationen.

Das Sängerensemble und Dirigent Roman Brogli-Sacher / Schlussapplaus
Das Sängerensemble und Dirigent Roman Brogli-Sacher / Schlussapplaus

Ein großes Bravo an den Regisseur! Meiner Meinung nach galt der lange Applaus am Ende der gestrigen Premiere ganz klar dem Regieteam und natürlich dem Orchester. Das Ensemble insgesamt war in Ordnung. Ich war allerdings nicht begeistert, denn diese Oper ist leider für große Sänger geschrieben. Gesanglich und darstellerisch müssen sie wirklich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sein. Traurigerweise besteht das Ensemble des Theaters größtenteils aus jungen Musikern: Sie sind gut für Mozart, für Belcanto … aber nicht gut genug für Strauss. Johanna Braults Komponist zum Beispiel war noch unreif. Für eine so wichtige Rolle ist sie zu jung. Die Sängerin muss noch viel Dorabella, Elvira und Rinaldo singen, bevor sie ein guter Komponist wird. Und schließlich sollte man sie Charlotte und Carmen singen lassen. Die Mezzosopranistin hat keine leichte hohe Lage. Aber sie ist schön und eine talentierte Schauspielerin. Man sollte ihr keine hohen Rollen geben. Zerbinetta war in Ordnung, aber auch viel zu wenig für diese brillante Rolle. Es braucht Champagner. Schwung! Lachen! Und musikalisches Genie. Wunderbare hohe Töne brachten ihr nach der Arie, die sie außergewöhnlich gut sang, begeisterten Applaus ein. Aber wie gesagt: zu früh, zu wenig.


Patricia Bansch als Ariadne. Ich möchte nichts schreiben. Ich bin es einfach müde, seit zehn Jahren immer dieselbe Person in allen Sopranrollen zu sehen. Ich wünsche mir endlich Veränderung. Ein neues Gesicht, eine neue Perspektive! Sie war super aber wir, das Publikum von Görlitz sind nicht mit Patricia Bansch geheiratet: wir wollen auch andere Sopranistinen hören. Die kleineren Rollen, das Frauentrio und das Männerquartett, waren hervorragend. Ich habe Buyan Li´s Arlekin sehr genossen. Ein Fest für die Augen, sowohl dramaturgisch als auch stimmlich. Ich freue mich den Bariton im Mai im Lied-Wettbewerb zu erleben. Aber was mich wirklich umgehauen hat, war der Bacchus des ebenfalls chinesischen Sängers Wonjong Lee. Was für eine Stimme! Perfekt kontrolliert, kraftvoll und solide, das Timbre eines Helden, und vor allem, welch perfekte Diktion! Jede Phrase, so anspruchsvoll sie auch war, floss so mühelos von seinen Lippen, wie es nur ein wahrer Gott kann und das war echtes Deutsch. Bravo, mehr davon! Ich möchte ihn und Andreas Rosar fest im Ensemble haben.


Die Aussprache der anderen Ensemblemitglieder war nicht gut, insbesondere nicht die des Komponisten und der Ariadne. Ich möchte nicht ständig auf den Text schauen müssen; ich möchte die Oper genießen. Und Ariadnes Text ist einfach brillant, man muss ihn verstehen.


Ich gebe dem Dirigenten die Schuld. Er hätte die Sänger bitten können, die Worte besser zu singen. Aber wahrscheinlich war es ihm egal. Auch die Bühnengestaltung und die Positionen der Sänger schienen ihm egal zu sein, da sie nicht gerade für eine gute Klangbalance im Saal sorgten. Sänger ganz hinten sind einfach schwer zu hören, besonders wenn das Orchester laut spielt.


Generell ist die Akustik des Theaters eine Qual für die Sänger, insbesondere für so kammermusikalische und nuancenreiche Musik. Die Klänge verschmelzen einfach nicht im Saal. Wäre ich der Intendant des Theaters, würde ich nach Lösungen zur Verbesserung der Akustik suchen.


Fazit: Es lebe die Klassik, es lebe die Neoklassik! Sie weist den Weg in die Zukunft.

Bild: Figuren aus den Säulen des Kaufhaus Görlitz.



 
 
 

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© 2026 Ars Augusta e.V. . Erstellt von Eleni Triada Müller

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